Filmprojekt ‚ZweiSchritteEntfernt‘

Antoinette Dyksman







Hans Peter Schuster

„In Katzendorf ist nichts für die Katz – ganz im Gegenteil: Für mich ist Katzendorf der Begegnungsort wo Poesie, Geist, Witz, Natur und pures Leben zu einer Melange zusammenfinden.“

Nora Lüders

„Erlebtes in eine Form zu bringen, die es für Außenstehende greifbar macht. Augen zu öffnen, zunächst die eigenen. Cața und seine Einwohner haben viel in mir bewegt und einiges angestoßen. Austausch darf nie enden und ich bin froh und dankbar, hier ein Teil dessen gewesen zu sein.“

Izabella Veibel

Jan Fecke

„Ich konnte in Cața meinen Blick schulen und einen Film machen, der immer noch in mir arbeitet. Dafür, dass ich diese vielen Szenen visuell einfangen durfte, bin ich unendlich dankbar. In Cața sind wir gewachsen.“
Beginn

„Wir drehen einen Film über den Dorfplatz. Den Treffpunkt von Cața!“ Die Entscheidung unserer Regisseurin Nora stand fest. Zuvor gab es eigentlich noch den Protagonisten Dénes, doch der war nie zu unseren ausgemachten Treffen erschienen. Warum? Weil wir in einem rumänischen Dorf sind, in dem die Menschen andere Probleme und Prioritäten haben, als mit einer Filmcrew aus Studierenden zu drehen. Dénes‘ Geschichte ist kein Einzelfall, und doch ein beklemmendes Einzelschicksal. Sie fügt sich in eine Reihe von Geschichten, die uns in den ersten Tagen in Cața begegnet sind. Wir sollten eine Dokumentation drehen. Ein Sujet finden. Wir, das sind Nora Lüders, Jan Fecke und Antoinette Dyksmann – Regie, Kamera und Ton. Wir in Cața, einer kleinen Gemeinde in Siebenbürgen, oder auch Transsilvanien.

Themenfindung

Unser Film entwickelte sich vom Großen ins Kleine ins ganz Große – zumindest wenn das Größte Cața ist. Unsere Gruppe fand sich schon in Berlin zusammen und, auch wenn es schon vereinzelte Interessenschwerpunkte gab, war uns allen bewusst, dass wir erst vor Ort unser Thema finden würden.

Nach einer langen Anreise und der ersten Exkursion durch den Ort, blieb Noras Interesse an den trinkenden Männern hängen, die ihre Tage an einem Kiosk in der gefühlten Dorfmitte verbrachten. Worüber sie wohl redeten? Welche Ziele und Träume sie wohl hätten? Welche Geschichte sie wohl teilten? Wir waren neugierig und machten uns am ersten Recherche-Tag, einem besonders verregneten Montag, zum Dorfmittelpunkt auf. Der Kontrast zu der Erscheinung, die der Platz am Vortag unter Sonnenschein hatte, war erschlagend. Es war nun trostlos und trist. Grau in grau und mittendrin stand Dénes. In seinem Militäroverall, die Deutschlandflagge auf die linke Schulter gestickt, kam er lächelnd auf uns zu und gab uns freudig die Hand. Im Regen stehend kamen wir ins Gespräch und wurden von seiner Geschichte heftig bewegt. Er sei stolz darauf, ungarischer țigan zu sein. 50 Lei verdiene er als Tagelöhner, knapp 10 Euro. Alkoholprobleme, Zigaretten. Eine Tochter, eine Frau, beide weg, schon seit langer Zeit. Seine Mimik und Gestik lebendig, seine Augen traurig. Es flossen Tränen bei ihm und bei uns.

Wir fühlten uns schnell mit Dénes verbunden und das Interesse an den trinkenden Männer an der Ecke reduzierte sich auf diesen ganz besonderen Mann. Wir wollten ihn wiedersehen. Ihn in seiner Hütte in der Roma-Siedlung, die ein Teil von Cața ist, besuchen. Er wollte uns sein T-Shirt aus Deutschland zeigen, auf das ein Bild gedruckt ist, das auch ihn zeigt. Zwei Jahre hat er dort auf einem Pferdehof gearbeitet und dieses T-Shirt von seinen Arbeitgebern geschenkt bekommen. Doch Dénes erschien nicht. Er wurde zu einem Geist. Wenn wir verabredet waren, kam er nicht zum vereinbarten Treffpunkt und wenn niemand mehr damit rechnete, stand er plötzlich im Garten von Frieder Schuller, unserem Gastgeber, um sich zu entschuldigen und daraufhin wieder spurlos zu verschwinden. Es brauchte Zeit bis wir verstanden, dass Dénes’ Leben von einem Druck bestimmt ist, den wir als Mitteleuropäer nur erahnen können. Wer an der unteren Armutsgrenze lebt, muss jede Chance der Arbeit nutzen, sonst kann die eigene Welt ganz schnell untergehen. Wir mussten uns eben hinten anstellen. Dieser Umstand unserer täglichen Warterei auf Dénes, sorgte natürlich dafür, dass wir viel Zeit auf dem Dorfplatz verbachten. Die Menschen in Cața begannen, Interesse an uns, aber auch Skepsis und Ablehnung zu zeigen. Was wir hier täten? Was wir von Dénes wollten? Wieso wir filmten? Sicherlich hatten sich schon die waghalsigsten Gerüchte herumgesprochen. Irgendwann begannen wir, die Gespräche zu suchen und selbst Fragen zu stellen. Die allmähliche Frustration, die Geschichte und den Kontakt zu Dénes nicht vertiefen zu können, brachte uns den anderen Menschen am Platz näher: țigani, Rumänen, Ungarn und Sachsendeutschen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte. „Wir drehen einen Film über den Dorfplatz. Den Treffpunkt von Cața!“ Wir hatten ein neues Sujet gefunden.

Drehphase

Der Plan war, sich dem Rhythmus des Dorfplatzes unterzuordnen. Der Tag selbst sollte die Struktur bestimmen. Von morgens bis abends wollten wir vor Ort sein und mit den Menschen sprechen, die den Platz betreten und verlassen und im Kiosk etwas kaufen. Wer da nun auf uns zukäme oder wen wir ansprächen, war noch völlig unklar. Der Platz wirkte auf uns wie eine Bühne, die von ganz Cața bespielt wurde.

Das visuelle Konzept von Jan entsprach dieser Wirkung: Die Kamera sollte aus festen, fotografischen Einstellungen vom Stativ aus beobachten. Die Bilder sollten gestaltet sein, mit weitgehend geschlossener Blenden für viel Tiefenschärfe, dekadrierten und symmetrischen Bildern, viel Kopfraum, nicht nach dem Lehrbuch arbeitend. Raum lassen für das, was vor der Linse schon von ganz alleine passiert. Wie erreicht man den Punkt, dass die Wirkung, die man erzielt, auch tatsächlich im Ergebnis spürbar ist? Wie nah wollen wir unseren Protagonisten sein? Wie wäre es, wenn man doch mal einen Schwenk einbauen oder die Kamera schultern würde? Und was empfinden wir eigentlich als filmisch? Kommunikation und Diskussion in unserer Gruppe machten die Bilder immer konkreter.

Das visuelle Konzept hatte auch einen unmittelbaren Einfluss auf Antoinettes Arbeit. Teilweise führten wir Interviews mit großen Abständen zu den Protagonisten, sodass mit Handzeichen kommuniziert werden musste, ob die Kamera und/oder das Tongerät liefen. Zeitweise verkabelte sie auch eine unsere Dolmetscherin Izabella, um Gespräche mitschneiden zu können, die wir mit der Kamera nicht filmen konnten. Antoinette hat auch die letzten Bilder des Films gestaltet, in denen langsam der Morgen graut.

Hürden

Wir drangen immer tiefer in das Dorf und seine Probleme ein. Ein Bürgermeister, der korrupt ist. Armut und Arbeitslosigkeit. Sexismus und Alkoholmissbrauch. So etwas geht nicht einfach an einem vorbei. Unsere Drehtage waren sehr intensiv, daher war es ein großes Glück, dass wir uns innerhalb des Teams aufeinander verlassen und uns vertrauen konnten. Wir kamen an Grenzen, uns begegnete aber auch Glück, Liebe und Witz. Die Kinder, die uns ständig mit einem Lächeln begrüßten, die große Kuh-und Pferdeherde zum Abend und nicht zuletzt der achtzehnjährige Manu, der mit seiner Passion für Fotografie und dem Wunsch, in Cața vielleicht eines Tages eine Familie zu gründen, den stärksten Kontrast zum Elend bildete. Es gab auch Situationen, in denen sich das Team aufteilen musste. Durch die begrenzte Zeit, die wir insgesamt hatten, musste Nora sich bereits am dritten Drehtag um die Sichtung und den Schnitt kümmern, während Jan und Antoinette noch weiteres Material sammelten. Es fehlte noch die Männergruppe. Sie ließ sich von Jan und einem unserer Dolmetscher, Hans Peter, filmen, vermutlich auch, weil keine Frau dabei war.

Und als niemand mehr damit rechnete, kam jemand in unser Zimmer gerannt und berichtete, dass Dénes mit seinem T-Shirt aus Deutschland auf dem Dorfplatz stünde und unbedingt mit uns sprechen wolle. Zu diesem Interview ging dann auch Antoinette mit.

Endspurt

Nora schnitt bereits an der Rohfassung, während andere Übersetzer/innen für uns Transskripte erstellten. Eine große Aufgabe stand uns bevor: In weniger als zwei Tagen mussten wir die vielen Interviews und Situationen ordnen und in eine präsentierfähige Form bringen. Antoinette und Jan legten parallel den Ton und Untertitel an die Interviews und konnten Nora damit unterstützen. Erst kurz vor dem Screening war der erste Rohschnitt, der auch hier zu sehen ist, fertig. Es ist eine unvollständige Version, denn vieles hat in der kurzen Zeit keinen Platz gefunden. Eine finale Version ist derzeit in Arbeit. Wir waren erleichtert, den Film fertiggestellt zu haben, aber auch sehr aufgeregt, wie unser Film nun ankommen würde. Wir sorgten uns, zu kritisch zu sein oder zu negativ. Doch Cața hat uns den Kopf nicht abgerissen. Ganz im Gegenteil: Wir bekamen Komplimente, etwas Wahres gezeigt zu haben.

Reflexion

Was nehmen wir nun aus dieser Erfahrung mit? Und welche Gedanken beschäftigen uns noch immer? Die Frage zum Umgang mit Geld und Bezahlung, war eine schwerwiegende. Wir, die „reichen“ Westeuropäer, filmen die armen rumänischen țigani und bezahlen nichts? Die meisten unserer Protagonisten waren unfassbar arm und redeten trotzdem mit uns. Manchmal kauften wir ein Brot, ein Bier, einmal einen ganzen Kasten. Letztlich befanden wir uns aber immer in der Bredouille nicht so viel zurückgeben zu können, wie wir eigentlich wollten. Ein anderer Punkt waren die Dynamiken, die wir im Dorf angestoßen hatten. Wir drangen mit unserer Kamera in einen Ort ein, an dem viele Menschen nicht gesehen werden wollten. Manche schämten sich für ihre Armut, andere für den Ort und wollten damit nicht in Verbindung gebracht werden. Wieder andere waren kriminell und aus ganz offensichtlichen Gründen an keiner Kamera interessiert. Immer wieder wurden wir gefragt, warum wir nicht den schönen Dorfpark filmen oder den Wald, anstelle des vermeidlichen Elends. Wir waren an drei Tagen mit unserer Kamera präsent am Platz und haben uns unter die Leute gemischt. Die Dorfbewohner dachten sich die krudesten Gerüchte aus: Von Sensationsgier war die Rede. Als wir erklärten, wir seien bloß Studenten, waren sie enttäuscht, oft verständnisvoll. Wir haben an mehreren Stellen unsere selbstauferlegte Mission in Frage gestellt. Was machen wir hier eigentlich? Nach Fertigstellung der Rohfassung fiel uns auf, dass unser Film politischer ist, als wir ihn erdacht hatten. Er weist auf die Probleme hin, mit welchen die rumänischen Bürgerinnen und Bürger tagtäglich zu kämpfen haben. Beim Screening saß neben uns ein Hirte, der gebrochen deutsch sprach. „Das ist auch Europa“, erklärte er uns. Wahrscheinlich ist das die große Erkenntnis: Rumänien gehört zu Europa – zu uns, die sich als Europäer fühlen. Es ist ein Teil der europäischen Kultur. Das haben wir hautnah erleben und fühlen dürfen. Leider viel zu kurz, aber dafür umso emotionaler. Wir sind über unsere Grenzen hinausgewachsen und haben es geschafft, diesen kleinen Film über einen ganz besonderen Ort zu beenden.